Spurensuche zum ehemaligen Marine-Nachschublager Bleckede 1916 bis 1945

Collage aus Aktenmaterial

1933 bis 1945

Schon vor der Machtergreifung Hitlers wurden die Weichen im deutschen Reich, mehr oder weniger dezent, auf "Hochrüstung" gestellt. Ab 1935 wurde begonnen, massiv Öl nach Bleckede zu transportieren, nicht ohne vorher von Seiten der Marine auf die Höhe der Frachtraten Einfluss zu nehmen [21]. Gleichzeitig begann die Marineverwaltung, das Öllager weiter auszubauen. Hierzu wurde nicht auf die ursprünglichen Baupläne von 1917 zurückgegriffen. Zur Leitung der Bauarbeiten wurde jeweils ein Marinebaurat nach Bleckede abkommandiert. [22] Das Baubüro war in dem Gebäude "Waldhalle" (Gebäudenummer 59), einem ehemaligen Ausflugslokal eingerichtet. Hier residierte schon die Bauleitung 1916-1919.

stempel_marinewerft1935

Zuerst wurden Unterkünfte für weitere Arbeiter erstellt. Anschließend wurden neue Lagertanks errichtet. Wie im deutsch-englischen Flottenabkommen ausgeführt, hatte Deutschland 1936 die ersten "35 000t" Schlachtschiffe (Bismark, Tirpitz) in Bau gegeben. Hitler entschied sich schon vor der Kündigung des deutsch-englischen Flottenabkommens am 28.April 1939, nämlich im Januar 1939, für den sogenannten Z-Plan [23]. Dieser Plan sah u.a. den Aufbau einer starken Flotte mit sechs zusätzlichen, noch größeren Schlachtkreuzern und 249 U-Booten bis 1948 vor. Damit wurde vorerst ein Plan für einen raschen und billigeren Aufbau der Marinestreitkräfte, mit dem Schwergewicht im Bereich der U-Boote-Flotte verdrängt.

Dem Z-Plan entsprechend, setzte die Seekriegsleitung (Skl) einige Planungsausschüsse ein, die Reichsbauprogramme für Häfen, Tanklager und Verkehrswege entwarfen. Schon im Jahr 1937 waren im Haushalt durch das Tanklagerbauprogramm rund 1,0 Mio. Tonnen Betriebsstoffe in geschützten Lagerräumen vorgesehen [24].

Im Jahre 1939 wurde eine Erhöhung des Öltanklagerraumes für die Marine auf 1,5 Mio. bis 3,0 Mio. Tonnen vorgesehen. Vornehmlich an den Wasserwegen der Nordsee plante das Marineamt Wilhelmshaven ihre großen, so genannten Ölhöfe als unterirdische Tanklager [24]. Dazu gehörte das herrichten der schon bestehenden Tanklager in Bleckede/Elbe, Achim/Weser und bei Schafstedt am Kaiser-Wilhelm Kanal.

Weiterhin wurde der Bau einer Großanlage in Flemhude in der Nähe Kiels am Kaiser-Wilhelm-Kanal und in Nordholz/südl. Cuxhaven für 55Mio. RM beschlossen [25]. Im Haushalt 1938 wurden für ein weiteres Marine-Tanklager in Bremen-Farge immense Geldmengen zur Verfügung gestellt.  Die Vorplanungen für das Tanklager in Bremen-Farge  wurden von Marinebaurat Edo Meiners von Bleckede aus erstellt [26]. Vorgesehen waren für Farge 30 Tanks mit rund 600 000 m³ Fassungsvermögen. Fertig gestellt wurden nur fünf Tanks. Vier dieser Tanks dienten ihrer ursprünglichen Bestimmung, in einem Tank wurden unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeiter untergebracht. Von den restlichen 25 Tanks wurden nur die Betonfundamente erstellt.  Bei einem Tank wurden, wegen unklarer Bedingungen im Baugrund keine Baumaßnahmen begonnen.

Die Bauarbeiten zur Erweiterung der Anlage in Bleckede erfolgten über mehrere Jahre. Die Behältergruppe II wurde zusammen mit weiteren Gebäuden und der Behältergruppe III, 1936 bis 1937 gebaut. In der Zeit von Anfang 1938 bis zum Frühjahr 1940 entstanden zunächst die Behälter der Gruppe IV.  in den Jahren 1939 bis 1941  wurden wahrscheinlich die Behälter der  Tankgruppen V und VI gebaut [27]. Zur Unterbringung der Bauarbeiter entstand ab ca.  1936/37 ein Barackenlager an der Breetzer Str. hier entstand ab 1937 ein Kantinengebäude in dem auch alkoholische Getränke an die Arbeiter ausgeschenkt wurden. Viele Montagearbeiter wohnten in dieser Zeit bei Privatleuten im Bereich der Stadt Bleckede. [28] Eine Einnahmequelle die in Bleckede sehr geschätz wurde.

Bild 1: Dampfzug Kiesgrube Breetze

Bild 1: Kieszug auf Feldbahngleisen und Löffel-Bagger in der Kiesgrube bei Breetze.

Für den Bau des Ölhofes in Bleckede wurden eigens Kiesgruben erschlossen. Für den Transport zwischen den einzelnen Baustellen und der Kiesgrube wurden Lorenzüge auf schmalspurigen Gleisen eingesetzt die von Dampflokomotiven gezogen wurden. (s. auch Bericht 5, der Ölhofwerkstatt)

Bei den Bauarbeiten im Ölhof wurden ab 1939 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene  eingesetzt. Russische  Kriegsgefangene waren als 6. Kompanie der 2. Marine-Baubereitschafts-Abteilung im Ölhof untergebracht. Alle Kriegsgefangenen wurden über das Stammlager des Wehrbereiches X in Sandbostel in weitere Lager, so auch  nach Bleckede deportiert. Die  Zuweisung der Fremd-, und Zwangsarbeiter zu den verschiedenen Baufirmen erfolgte über das Arbeitsamt in Lüneburg. So wurden z.B. polnische Arbeiter, die am Bau des Kraftwerkes in Alt Garge eingesetzt gewesen waren, nach Breetze verlegt, um beim Bau der Tank-Gruppe VI zu arbeiten  [29].

 

Bild 2: gruppexx_bau1_120    Bild 3: gruppexx_bau2_120

 Bild 2 und 3: Bau der Tankanlagen in Bleckede (Quelle: NARA, NAVTEC, RG, File A 9-16 (3) 70 (Hn), 924, Aufnahmedatum unbek.)

Neben dem Bau der einzelnen Tank-Gruppen, wurden auf dem Gelände umfangreiche Bauarbeiten zur Erstellung der Versorgungsleitungen durchgeführt. Alle  Tankgruppen waren durch ein Tunnelsystem miteinander verbunden. In diesem Tunnelsystem verliefen die Rohrleitungen. Die Wasserleitungen und auch sämtliche Stromleitungen wurden durch weitere Erdarbeiten in separaten Gräben verlegt, die dann wieder verfüllt wurden.

 

Bild 4: Bau eines Verbindungstunnels

Bild 4: Bau eines Verbindungstunnels (Quelle: NARA, NAVTEC, RG, File A 9-16 (3) 70 (Hn), 924, Aufnahmedatum unbek.)

Nach der Inbetriebnahme der Tank-Gruppe IV im Jahre 1939 stellte sich heraus, dass die Tanks aufgrund ihrer Bauweise (Betontanks) nicht zur Einlagerung von Schweröl geeignet waren. Nach dem Versuch die Tanks nachträglich durch Aufbringung einer Kautschuk-Schicht abzudichten, der aber auch fehlschlug, wurde die Tankgruppe IV stillgelegt. Nach erfolgter Reinigung der Tanks wurden in vier der sechs Tanks große Tore durch die Außenmauern gebrochen. In die Innenräume der Tanks wurden hohe Regale gebaut und es wurden Feldbahngleise bis in die Bunker gelegt.

In die Baracken in der Breetzer Straße zog die Verwaltung dieser neuen Lagerhallen ein. Die Verwaltung der Materiallager war in zwei Bereiche aufgeteilt. Der erste Bereich diente zur Verwaltung eines gemischten Warenlagers (u.a. chemiekalische Produkte). Der zweite Bereich verwaltete in einem eigenen Lagerbereich Material für die U-Boot Flotte. Diese geteilte Verwaltung der Materiallager, losgelöst von der Verwaltung des Öllagers, bestand bis zum Kriegsende.

Die Erweiterungen im Ölhof ab 1936 machten erforderlich, dass, wieder auf Veranlassung der Kriegsmarine, Zwischenbahnhöfe an der Eisenbahnstrecke Bleckede-Lüneburg, zweigleisig, als "Kreuzungsbahnhöfe" ausgebaut wurden. Die Bahnhöfe Rullstorf und Neetze erhielten Ausweichgleise von je 350m Länge. Zwischen Rullstorf und Boltersen wurde ein großer Kreuzungsbahnhof geplant (Bokelkathen); der aber nur Papier blieb [30].

 

Luftbild der Tank-Gruppe II

Bild 4: Auf einem Ausschnitt eines Luftbildes vom 29.10.1944 sind zwanzig Kesselwagen (ca. 300t Mineralöl) eines Güterzuges abgebildet, die auf einem der beiden Rangiergleise in der Gruppe II abgestellt sind.

Zu Beginn des Krieges soll der Ölhof in Bleckede bis fast an die Kapazitätzgrenze von 340 000  m³ mit Öl der Kriegsmarine gefüllt gewesen  sein  [31]. Eine andere Quelle berichtet davon, dass sich bereits 1942 in keinem der Lagerbehälter in Bleckede mehr Öl befand [32].

Diese Informationen stimmen mit der Lage der Treibstoffversorgung der Kriegsmarine in den Jahren 1939 bis 1945 überein. vgl. auch Erdöl / Infos [33]

Die ab 1940 nach der Norwegenbesetzung rund um den europäischen Kontinent entstandenen Kriegsschauplätze erforderten von der Reichsmarineeine eine Verteilung der Depotvorräte auf eine Vielzahl "neugewonnener" Stützpunkte sowie die Befüllung der zwischen den den Ölhöfen und den Stützpunkten hin- und herpendelnden Zubringertanker, was quasi der Einschiebung einer zusätzlichen Versorgungsebene entsprach und die inlandigen Marine-Tanklager weitgehend überflüssig machte [34].

Es ist aber wahrscheinlich, dass auch nach 1942 noch  Öl im Nachschublager umgeschlagen wurden. 1943 kamen täglich bis zu drei Ölzüge in Bleckede an und wurden hier umgeschlagen. Aus dem Ölhof heraus gingen Züge in Richtung Wilhelmshaven und Gotenhafen. Im Bericht: Erinnerungen 2 wird die Tätigkeit bei der Eisenbahn 1943 im Ölhof beschrieben. Die Beurteilung der tatsächlichen Umschlag-Menge im Jahren 1939 bis 1945 ist derzeit noch nicht möglich.

Weiterhin besteht die Information, dass  der Ölhof Bleckede ab 1940 zu einem zentralen Ort innerhalb der Reichsmarine entwickelt wurde, an dem Eisenbahn-Kesselwagen der Marine gereinigt wurden. [35]

Am 07.03.1944 fand in Lüneburg eine Besprechung mit Fachleuten der Reichsbahn, der Marine, den Hamburgischen Elektrizitätswerken und der Bleckeder Kleinbahn statt.
Inhalt der Besprechung war u. a. die Festlegung des Transportvolumens von Öl und Kohle, auf der Strecke Lüneburg-Bleckede bzw. Alt Garge für Herbst 1944.

Ab Herbst 1943 war das Anschlussgleis zum Kohlekraftwerk Ost-Hannover in Alt Garge fertig gestellt. Durch die Anlieferung von Kohle auf dem Schienenweg stieg die Verkehrsbelastung. Der tägliche Eingang an Güterwagen wurde für April 1944 mit 150 Stück angegeben und für Herbst 1944 auf 200 Güterwagen täglich geplant. Diese Anzahl an Güterwagen brachte die Kapazität der eingleisigen Strecke an die Obergrenze [36].

Weiterhin ist zum Treibstoffumschlag in Bleckede zu bemerken, dass wir mit unseren Recherchen bisher nur den Schienenweg beschrieben haben. Eine Aussage darüber wie viel Treibstoffe auf dem Wasserweg transportiert wurden, ist noch nicht möglich.

Die Bewertung der "Wichtigkeit" des Marinenachschublagers orientiert sich, aus der Sicht der Autoren, an mehreren Punkten:

1. Die Ölversorgung der Kriegsmarine von 1928 bis 1945 unterlag verschiedenen Einflüssen (s. auch Erdöl/Infos). Der Öl-Lagerbestand der Kriegsmarine ab 1942 war so niedrig, dass kein Luftangriff auf Bleckede durchgeführt wurde, obwohl 1944 und 1945 jeweils Aufklärungsflüge der alliierten Streitkräfte stattfanden, ohne dass sich daran Luftangriffe auf das Öllager anschlossen. (vergl. hierzu WIFO-Tanklager Hitzacker, mit mehreren schweren Luftangriffen)

2. Das Öllager war nicht, wie sonst üblich, mit Anlagen zur Verteidigung ausgestattet. (Flaktstellungen oder gar Einheiten zur Verteidigung) Es gab lediglich 24 Mann Wachpersonal, mit leichten Waffen.

3. Es bestand eine Scheinanlage, aus Holz und Leinwand, zur "Ablenkung" von Luftangriffen in der Nähe von Neetze (ca. 8 Km vom Ölhof in Bleckede entfernt)

4. Das Öllager wurde am 18. April 1945 nur "geräumt", bzw. nicht von Deutschen Soldaten gesprengt. Hierzu könnte man noch anführen, dass die allgemeine Lage im April 1945 schon so desolat war, dass der allgemeine Befehl zur Zerstörung militärischer Anlagen nicht mehr durchgesetzt wurde (Befehl von Adolf Hitler betreffend Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet "Nero-Befehl" bzw. Befehl "Verbrannte Erde").

5. Das Öllager wurde bei Kriegsende zur Plünderung freigegeben, und zwar durch den damaligen technischen Leiter, Oberleutnant z. S. Rieger. Die Landesschützen der Wachmannschaft unterstanden zuletzt Oberleutnant d. R. Schmitt aus Barskamp. s. auch: Heimatbuch und die Unterschrift des Oberleutnant Schmitt im Bericht Erinnerungen.

 

[21] Niederschrift einer Besprechung zwischen Vertretern der Marine-Werft und Vertretern des
Landeskleinbahnamtes vom 23.03.1935 in Bleckede. Es sollen in den nächsten Tagen ca. 10 000 to Öl eingelagert werden. Die Reichswehr plant den Transport von Hamburg auf der Schiene und auf dem Wasserweg. Wasserweg 0,72 RM/to, Schienentransport 5,23 RM/to.(Archiv Landkreis Lüneburg, Bleckede, 766,10).
[22]Einwohnerbuch für den Landkreis Lüneburg 1936.
[23] Z-Plan, Nürnberger Prozesse, Dokument 885-D in Bd.
11-12, S. 569 ff.
[24] Tanklager-Programm, Nürnberger Prozesse, Dokument 885-D in Bd. 11-12, S. 596 ff.
[25] Herr Hinrich Dürkop, Die ehemaligen Marine-Alanlagen bei Schafstedt 1939-1945, erschienen in "Dithmarschen",Zeitschrift für Landespflege Heft 2/1993 S. 40, Verlagsanstalt Boyens und Co. Stadt Heide.
[26]Herr Heiko Kania, bisher unveröffentlicht: Geschichte des Standortübungsplatzes Schwanewede 1938 bis 1945, Harsefeld 1996.
[27]Festschrift: 75 Jahre freiwillige Feuerwehr Bleckede 1949, Verlag Schötteldreyer, Bleckede, S.9, Einsatz der freiwilligen Feuerwehr am 21 Nov. 1937, Deckeneinsturz Oelhof, Tank Gruppe III.
[28] Schreiben an den Landrat in Lüneburg, Betreff Ladenschlusszeiten Aug. 1937, hier die Erwähnung von Arbeitszeiten und Unterbringung von Montagearbeitern in Privatquartieren. Archiv Stadt Bleckede 20,6.
[29] Herr John Hopp, Die Hölle in der Idylle, dritte erweiterte Ausgabe, S. 211, VSA-Verlag Hamburg 2013.
[30]Niederschrift über eine Besprechung am 07.03.1944 in Lüneburg. Archiv Landkreis Lüneburg, Bleckede, Akte 766,6.
[31]Herr Herbert Barkmann, Betriebsstoff vom "Ölhof"in Truppenpraxis 5/1992 S. 463 ff, Bundesminesterium der Verteidigung Hrsg.
[32] Herr Johannes Werding 1988, Tonbandprotokoll, aufgenommen von Herrn Walter Neumann, Stadtarchiv Bleckede.
[33] Herr Wilhelm Meier-Dörnberg, Ölversorgung der Kriegsmarine 1935 bis 1945 , Militärgeschichtliches Forschungsamt Hrsg., Verlag Rombach Freiburg 1973, S.68 ff.
[34] Herr Herbert Barkmann, Betriebsstoff vom "Ölhof"in Truppenpraxis 5/1992 S. 463 ff, Bundesminesterium der Verteidigung Hrsg.
[35] ebenda.
[36]Niederschrift über eine Besprechung am 07.03.1944 in Lüneburg. Archiv Landkreis Lüneburg, Bleckede, Akte 766,6.
 
 

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