Spurensuche zum ehemaligen Marine-Nachschublager Bleckede 1916 bis 1945

Tank-Gruppe V,  Luftbild Bleckede 29. Oct. 1944

Gebäude Nr. 36

Fundamente für eine Werkhalle

Das Gebäude Nr. 36 befand sich am Ende des Ladegleises in der Behältergruppe V. Von diesem Gebäude sollen nur die Fundamente errichtet worden sein.


Bild 1: Lageskizze der Tank-Gruppe V

     Weitere Gebäude in dieser Skizze:

     Nr. 37 Stahltanks für dünnflüssige Stoffe

     Nr. 38 Kesselhaus der Gruppe V

     Nr. 39 Pumpenhaus der Gruppe V

     Nr. 40 Lokschuppen II

     Nr. 41 Öl-Abfüllanlage

     Nr. 64 Bahnverladeanlage II

 

 

 

Bild 1: Lageskizze Gebäude Nr. 36 bei der Tank-Gruppe V

Diese Fundamente gaben und geben viel Anlaß zu Spekulationen. Hier sollte - unabhängig vom Oelhof - eine Halle für industrielle Produktion erbaut werden.

Hintergrund dieser Maßnahme war die Tatsache, dass es ab 1943 durch die abnehmende Lufthoheit über dem "deutschen Terretorium" und der damit verbundenen Zunahme von Bombenangriffen zu immensen Produktionsausfällen in der Industrie kam. Bereits im Herbst 1943 plante das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition (RMfBM) unter Alber Speer die "bombensichere" Verlagerung von wichtigen Rüstungsfertigungen in unterirdische Räume und verbunkerte Bauwerke. Als potentielle Verlagerungsorte kamen Höhlen, Eisenbahn- und Straßentunnel, Steinbrüche und versteckte Täler in Frage. Die Einrichtung und der Ausbau, sowie die auch spätere Produktionsaufnahme waren mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen verknüpft. Die umfangreichen Baumaßnahmen standen unter der Aufsicht der Organisation Todt, die den Arbeitseinsatz eng mit SS und Gestapo koordinierte.


Auf dem Luftbild von 1944 kann man erkennen, dass im Bereich des Gebäudes Nr. 36 Bautätigkeit besteht. Ein fertiges Gebäude oder gar ein Bunker wurde an dieser Stelle aber nicht errichtet.

Bild 3: Standort der Hallenfundamente

Bild 2: Standort der Fundamente Gebäude Nr. 36, Luftbild Okt. 1944

Wie weit die Planungen für die "Unterverlagerung" einer Produktionsstätte in Bleckede bereits fortgeschritten waren, zeigt die Tatsache, dass für das Gebäude Nr. 36 ein "Tarnname" existierte.
Nach den "Grundsätzen für die Tarnbezeichnungen der unterirdischen Verlagerungsbauten"(1), sollten folgende Bezeichnungsgruppen verwendet werden:

Tiernamen Bergwerksschächte
Fischnamen Berkwerksstollen
Vogelnamen Eisenbahn- und Straßentunnel
Pflanzennamen Festungswerke
Münzkundliche Bezeichnungen natürliche Höhlen
Männliche Vornamen Stahlbetonbunker
Gesteinskundliche Bezeichnungen neu zu errichtende Stollen und Tunnel z.B. in Steinbrüchen

 

Für die geplante Industrie-Ansiedlung in Bleckede wurde der Tarnname "Baldur" vergeben. (2) Vorgesehen war hier eine Bunkeranlage mit 8000m² (!) Arbeitsfläche für Werkzeugbau.
Auf einem Luftbild von 1960 ist die Trümmerfläche am Ende der Behältergruppe V abgebildet. Der Durchmesser der einzelnen Tanks betrug ca. 50m. (oben links im Bild) Daraus abgeleitet hätte ein Gebäude mit einer Fläche von 8000 m² eine Ausdehnung von 50m mal 160m gehabt und ungefähr die Fläche des eingezeichneten Rechteckes eingenommen.
Das geplante Gebäude Nr. 36 ist somit auch ein Beispiel für den Unterschied zwischen Planung und tatsächlicher Bautätigkeit gegen Ende des zweiten Weltkrieges.

Nur die Fundamente eines Gebäudes das ca. 25% der geplanten Fläche einnahm, wurden wahrscheinlich erstellt. Überlieferungen, ob Materialknappheit oder andere Faktoren die Bautätigkeit beeiflusst hatten, sind bisher nicht bekannt.

 

Bild 3: Hallenfundamente Planungen, Abgleich

Bild 3: Die Fläche der geplanten Anlage von 1943 dargestellt im Luftbild von 1960, Quelle: Fa. Hansa Luftbild GmbH, 2/498.

Kaum eine Spur ist heute noch von diesen Fundamenten geblieben. Der Ort, der ursprünglich als Ausweichquartier geplant war, ist heute durch den mittlerweile hohen Baumbestand, nicht mehr auszumachen. Die damaligen Hamburger Firma für Werkzeug,- und Vorrichtungsbau, "Heidenreich & Harbeck"  sollte u. a. ihre Produktion von Maschinen zur Herstellung von Kegel-Zahnrädern für Groß-Getriebe hierher verlagern.

 Bild 4: ehemaliger Standort der Fundamente, aufgenommen 2005

Bild 4: ehemaliger Standort der Hallen-Fundamente, aufgenommen 2005


1. Bundesarchiv Berlin, R7/1192, fol. 9ff.: RM für Rüstung und Kriegsproduktion; Grundsätze für die Tarnbezeichnung der unterirdischen Verlagerungsbauten, 15.4.1944

2. Wichert, Hans Walter: Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des Zweiten Weltkriegs. Marsberg 1993

 

 


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