Spurensuche zum ehemaligen Marine-Nachschublager Bleckede 1916 bis 1945

Luftbild Barackenlager (Baulager-Oelhof)

verstorben...

Wenn man heute in der Umgebung von Bleckede einen Spaziergang unternimmt und am Ortsausgang in Richtung Lüneburg am Waldrand rechts abbiegt, kommt man nach ca. 300m zum jüdischen Friedhof.  (Der Weg ist vor Ort mit einer blauen Farbmarkierung gekennzeichnet)
Die letzte Beisetzung eines jüdischen Mitbürgers, die hier erfolgte, war die von Herrn Hermann Hertz, gest. 9.5.1935. In der Zeit von Januar 1943 bis Januar 1944 wurden auf diesem Friedhof noch vier weitere Menschen beigesetzt. Bei den Verstorbenen handelt es sich um zwei Frauen und zwei Männer, die keine Juden, sondern russische Zwangsarbeiterinnen bzw. Kriegsgefangene waren. Eine Erklärung für die Wahl des Begräbnisplatzes ist, dass diese vier Menschen gemäß der nationalsozialistischen Rassentheorie nicht auf dem Friedhof der Stadt Bleckede beigesetzt werden sollten und so auf dem jüdischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte fanden [1]. 
Die Umstände unter denen die Beisetzung der russischen Kriegsgefangenen stattfand, sind heute nicht mehr nachzuvollziehen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass die nationalsozialistischen Verantwortlichen seinerzeit durch die Beisetzung der "nicht jüdischen" Kriegsgefangenen diesen Begräbnisplatz entehren wollten (Störung der Totenruhe).

Zu den beigesetzten Kriegsgefangenen bzw. Zwangsarbeiterinnen liegen bisher keine weiterführenden Informationen vor. Die beiden Männer waren Kriegsgefangene, die im Männer-Stammlager (M-Stalag) X B in Sandbostel (Bremervörde) registriert waren. Bei einem der beiden Männer, Pazl Umanez besteht ein nachweisbarer Zusammenhang mit dem Marinenachschublager in Bleckede.

Grabstein Pazl Umanez

Bild 1: Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Bleckede (Juni 2004)

Über Pazl Umanez sind bis zum heutigen Tag nur wenige Informationen bekannt.
Pazl Umanez war im Zivilberuf Bauer. Er wurde in Charkow (Charkiw in der Ukraine) geboren, der Wohnort dieses Mannes ist unbekannt. Er starb mit 39 Jahren, lt. Todesbescheinigung, in der Nacht zum 16.11.1944 an Herzschlag im Kriegsgefangenen-Barackenlager Bleckede.

Bild 2: Sterbefallmeldung Pazl Umanez  Bild 3: Pesonalkarte P. Umanez

Bild 2 und Bild 3: Sterbefallanzeige und Personalkarte Pazl Umanez, Quelle: Deutschen Dienststelle (WASt)

Der Tod des Pazl Umanez wurde von Bleckede aus nach Wilhelmshaven gemeldet. Von Wilhelmshaven aus erfolgte die Meldung an das Kommando der 2. Marine-Baubereitschafts-Abteilung in Bremen-Farge. Von hier erging am 01.12.1944 ein Schreiben an das Stalag XB in Sandbostel. In diesem Schreiben wird der verstorbene sowjetische Kriegsgefangene zum einfachen Vorgang: Veränderungsmeldung der 6. Kompanie der 2.Marine-Baubereitschafts-Abteilung v. 16.11.1944.


Bild 4: Veraenderungsmeldung

Bild 4: Veränderungsmeldung zu Pazl Umanez, Quelle: Deutsche Dienststelle (WaSt)

Die Marine schickte Bekleidungsnachweis, eine halbe Erkennungsmarke, u. 91,13 RM, als persönlichen Nachlass zurück ins Stammlager Sandbostel.
Zusätzlich wurde bei der 6.Kompanie das Fehlen der Personalkarte angemahnt. Die fehlende Personalkarte wurde dann mit Schreiben vom 07.12.1944 von der 6. Kompanie an das Stalag XB in Sandbostel gesandt.

Bild 5: Meldung zur Personalkarte

Bild 5: Anschreiben zur Personalkarte des Paz Umanez, Quelle: Deutsche Dienststelle (WaSt)

Der Tod des Pazl Umanez wurde knapp und unpersönlich als Vorgang  innerhalb der Kriegsmarine behandelt und beurkundet.

Die offizielle Beurkundung dieses Sterbefalls durch die Zivilbehörden erfolgte, wie auch die Beurkundung der drei andern Sterbefälle erst im Jahre 1946.

Das Grab des Pazl Umanez wird von der Stadt Bleckede gepflegt. Mindestens einmal im Jahr (meistens zum Volkstrauertag) werden hier Blumen oder Grab-Gestecke niedergelegt.

Die genauen Umstände, die dazu führten, dass die vier Verstorbenen nicht auf dem örtlichen Friedhof, sondern auf dem "Judenfriedhof" beigesetzt wurden, harren leider nach wie vor, auch der offiziellen Aufarbeitung.

Hinweis auf weiterführende Informationen:

Dokumentations- und Gedenkstätte
Sandbostel e.V.
http://www.dokumentationsstaette-sandbostel.de/


Dokumentations- und Gedenkstätte
Geschichtslehrpfad Lagerstraße
U-Boot-Bunker Valentin e.V.
http://www.geschichtslehrpfad.de/


Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung
der nächsten Angehörigen von Gefallenen
der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt)
http://www.dd-wast.de/

Beschreibung der Grabanlagen auf dem jüdischen
Friedhof in Bleckede, als Teil der Dokumentation der
Geschichte jüdischen Lebens in Bleckede.
http://www.judeninbleckede.de 

 

[1] Nach Weiland, Beate L.: Jüdische Friedhöfe in Nordostniedersachsen. Eine Bestandsaufnahme, S. 266 u. 284, in: Woehlkens, Erich, Kuhlmann, Lisa, Weiland, Beate L., Busch, Ralf (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Juden in Uelzen und in Nordostniedersachsen. Oldenburg 1996.

 


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