Spurensuche zum ehemaligen Marine-Nachschublager Bleckede 1916 bis 1945

Luftbild Barackenlager (Baulager-Oelhof)

Gefangenenlager

Persönliche Aufzeichnung von Hans Werding, Melle, über das Arbeitskommando Bleckede, erstmalig veröffentlicht in einer Begleitbroschüre zu einer Wanderausstellung des Trägervereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel 1994:

Die Veröffentlichung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und der Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel.

 

Am Bleckeder Bauernende, zwischen Brammer, Büchner, Haverland und uns, lag an der Breetzer Straße wüstes Land, das in den Jahren nicht beackert wurde und unser Spielplatz war. 1943, als ich 7 jährig war, wurden hier in Schnellbauweise aus Betonfertigteilen Hilfsbaracken erstellt. 500 Meter weiter war ein zweites, gleichgroßes Gebäude mit 2 Meter hohem Maschendraht umzäunt. Wir Kinder haben den Bau miterlebt, und dann hieß es, da sind russische Gefangene.

Bild 1: Gefangenenlager Lubi 1945
 
Bild 1: Luftbild der Baracken an der Breetzer Str. vom April 1945, Ausschnitt, Baracke für russische Kriegsgefangene (Pfeil)

Neugierig näherten wir uns dem Zaun, hinter dem die russischen Gefangenen zu sehen waren.

Heini Büchner, der Älteste, wagte sich als erster an den Zaun, Hans und Heine Brammer und ich trauten uns erst, als die Russen uns heranwinkten und uns zuriefen.

Wir waren dann fast täglich am Zaun. Die russischen Männer hatten Spielsachen aus Holz gebastelt und beschenkten uns, so dass wir gerne zu ihnen gingen.

Als Gegengabe wünschten sie sich Kartoschka (=Kartoffeln), die wir ja reichlich hatten.

Die Wachposten waren freundlich zu uns Kindern, einmal durfte ich ihr Wachbüro begucken, das an der Frontseite des Lagers lag und nicht mit eingezäunt war.

Die Wachposten haben unsere Besuche am Zaun bei den russischen Gefangenen und unseren Kartoffel-Spielzeugtausch nicht beachtet.

Frau Haverland, die NSDAP-Ortsgruppenfrau, hat sich dann aber eingeschaltet, und wir Kinder durften nicht mehr dahin. Den ganzen Winter 1943/44 hindurch, bis in den Frühling hinein, wurde eine Wasserleitung von der Breetzer Straße bis zu dem Gefangenenlager, an unserem Haus vorbei, verlegt. Die Ausschachtarbeiten machten die russischen Gefangenen, bewacht von Soldaten (Anm. Landesschützen).

Die Russen erkannten mich und riefen mich an die Baustelle wegen Kartoschka, aber von den Wachposten wurde das verboten, so dass ich meine Kartoffeln wieder zurückbringen musste.

Meine Mutter war darüber so erbost, dass sie selbst an den Graben ging und die Kartoffeln verteilte, obwohl der Wachposten zu schießen drohte.

Der Wachposten war auf dem Oelhoflager in Bleckede/Breetze beschäftigt, wo mein Vater bis zu seiner Einberufung Betriebsleiter, also sein Vorgesetzter war. Der Wächter kannte deshalb meine Mutter und war wirklich in Not, weil er schießen musste, bei solchem Benehmen. Er bebettelte meine Mutter, so dass sie nicht mehr an die Baustelle zu den Russen ging.

Einige russische Gefangene kamen nun aber über den Hof an unser Kellerfenster gerobbt, klopften an die Scheiben, bis wir es hörten, wegen Kartoschka.

Aber auch das entdeckte bald ein Wächter, und es gab wieder Ärger. Eines Tages kam Frau Brammer aus der Stadt mit voller Einkaufstasche an unserem Haus vorbei. An der Straße klönte sie mit meiner Mutter; ihr Mann war in russischer Gefangenschaft und sie klagte und weinte darüber.

Als nun Russen von der nahen Baustelle bei den Frauen um Kartoschka oder Brot bettelten, verteilte Frau Brammer weinend ihren ganzen Einkauf unter den Russen am Graben, obwohl die Wächter schimpften, mit dem Gewehr drohten und einen Warnschuß abgaben.

Von da ab hatten die Frauen Angst und wagten sich nicht mehr zu den Russen.

Uns wurde erklärt, daß die Russen gut verpflegt werden. Es sind "Edelrussen" hieß es, und es sollen Männer gewesen sein, zum Teil aus dem Adelsstand, die selbst mit Kommunismus und Stalin nichts im Sinn hatten.

Sie würden hier gut behandelt und versorgt. An den Zaun zu den Russen durften wir Kinder nun nicht mehr gehen, obwohl das Lager immer in unserem Blickfeld lag, denn anders als heute waren es damals die einzigen Gebäude weit und breit.

Die Küchenbaracke war nicht eingezäunt, dort wohnte auch das Wachpersonal, hier spielten wir nach wie vor. Brammer Büchner und Haverland holten sich aus der Küche abwechselnd, aber täglich, die Küchenreste für die Schweine. Oft waren es volle Thermoskübel, ca. 50l groß, voll Erbsensuppe, Steckrübensuppe mit viel Fleisch und Speckstücken darin, so dass Brammers erst auf ihrem eigenen Tisch davon nahmen, auch meiner Mutter gaben sie mal ab, bevor sie den Rest den Schweinen verfütterten.

So blieb ungeklärt, warum die Russen nach Brot und Kartoschka bettelten.

14 Tage lang, während der Kämpfe an der Elbe, wurden wir Bleckeder von den Amerikanern evakuiert. Brammer, Wübbenhorst und wir nach Barkmoor.

Als wir nach Bleckede zurückkamen, war das Russenlager leer. Es soll Tote gegeben haben, ob von den Gefangenen oder den Wachposten, erfuhren wir nicht. Wir Kinder mieden dann diesen verlassenen Ort.

Das Gelände mit den Gebäuden wurde später an Privatleute verkauft, die sich Wohnungen darin einrichteten. Meine Eltern erwarben 1950 das Gebäude Breetzer Straße 25, in dem die Lagerküche war und richteten drei Wohnungen darin ein.

Es gab viele Gerüchte über die russischen Gefangenen, was aber wirklich mit ihnen geschehen ist, wer weiss das?

Wenn ich heute die Anzahl der russischen Gefangenen nennen sollte, die in dem Lager Breetzer Straße waren, kann ich nur schätzen: 100 bis 150 Männer.

Hans Werding, Melle, 19.08.1991

 

Hinweis auf weiterführende Informationen:


Dokumentations- und Gedenkstätte
Sandbostel e.V.

Die Geschichte eines Kriegsgefangenen-
und KZ-Auffanglagers in
Norddeutschland 1939-1945
http://www.dokumentationsstaette-sandbostel.de





 


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